"Meine Mutter ist Verschwörungs-theoretikerin"

„Meine Mutter ist Verschwörungstheoretikerin“

Mein Leserinbrief an Kati Krause - zu ihrem Artikel im ZEIT-Magazin vom 7.1.2021 zu ihrem gespannten Verhältnis zu ihrer Mutter

 

 

 

 

Liebe Frau Krause,

für Ihren Beitrag im Zeit-Magazin möchte ich Ihnen danken. Mein Sohn machte mich auf ihn aufmerksam, nachdem wir in den letzten Monaten öfter schmerzlich aneinander und leider auch auseinander geraten sind in unseren unterschiedlichen Auffassungen zur Corona-Politik. Ihr Artikel hat uns sehr berührt. Wir konnten erstaunliche Parallelen und klare Unterschiede zu unserem Mutter-Sohn-Verhältnis finden. Ihr lebendiger Erzählstil hat uns beiden gut gefallen. Es ist spürbar, wie viel Mühe Sie aufgewendet haben, nicht nur die Frustration darzustellen, weil Ihre Mutter in Ihren Augen in Verschwörungsideologien „abgerutscht“ ist. Immer wieder lassen Sie Ihre Wertschätzung durchscheinen für die früher ganz positiv erlebten Lebenseinstellungen Ihrer Mutter. Und auch Ihr Humor tut gut, verrät er doch trotz aller festgezurrter Missverständlichkeit zwischen Ihnen und Ihrer Mutter, dass es an den Rändern der scheinbar unvereinbaren Welten unvoreingenommene Übergangsbereiche gibt, wo es möglich ist, sich zu begegnen, sich zu lassen und sich anzunehmen. Das macht den Artikel für mich so wertvoll, weil er durch den Bezug zu liebevollen Momenten in Ihrer Beziehung Ihr gemeinsames Fundament erleben lässt. Ein Fundament, das tiefer reicht als korrekte politische Stile, die allgemein als vertretbar gelten. Leben ist nicht nur das, was wir darüber denken. Vor allem ist es lebendig, widersprüchlich und schwer zu kontrollieren. Es ist ein großes Glück, wenn wir in unserer Herkunftsfamilie erfahren, dass sowohl die Zugehörigkeit einen hohen Stellenwert genießt als auch die Autonomie, die unterschiedliche Meinungen und Lebensentwürfe nicht selbstverständlich sanktioniert oder gar als Anlass für Trennung rechtfertigt. So kann ich mein Fazit schon an den Anfang stellen: Ihr Artikel ist in diesen Zeiten Gold wert, auch wenn ich aus meiner Perspektive Kritisches anmerken möchte. Viele Menschen ringen derzeit in ihren nahen Beziehungen darum, die Grabenkämpfe auf Grund der Corona-Politik zu bewältigen. Mir scheint es, dass ganz Wesentliches gut ist in Ihrer Familie – Gratulation! Ihr Mut, sich damit öffentlich zu zeigen, wurzelt vielleicht auch in dieser familiär gewachsenen Stärke. 

 

Ich möchte mich nicht in den Diskurs über korrekte politische Standpunkte zwischen Ihnen und Ihrer Mutter einmischen. Als Therapeutin mit systemischer, traumatherapeutischer und naturorientierter Ausrichtung liegt mir vielmehr eine sozialkritisch-psychologische Perspektive am Herzen. Ich bemerke mein Mitgefühl für Ihre Mutter, die sich wie so viele Frauen in ihrer Generation, aufgemacht hat, auf ihre ganz eigene Art Neues zu entdecken und zu erforschen. Die sich dem Anpassungsdruck durch die vorherrschenden Erwartungen widersetzt. Die sich vorgewagt hat in Gebiete, die aus einer rein rationalistischen Gesellschaftssicht heraus dubios erscheinen müssen. Hannah Arendt meint: Wir haben kein Recht auf Gehorsam. Ungehorsam, wie ihn auch die Ökoaktivistin Vandana Shiva fordert, braucht jedoch Mut und gilt insbesondere für Mütter gerne als anstößig. Chuzpe, den hat Ihre Mutter genauso wie Sie, die Sie sich mit Ihrem Artikel von einer sehr persönlichen Seite öffentlich und verletzlich zeigen.

 

Mich berührt es, wenn ich lese, dass Ihre Mutter sich ständig der Lächerlichkeit preisgibt wegen ihrer selbst gewählten Forschungsgebiete. Schade, dass Sie das nicht an-erkennen und genießen können, was Ihre Mutter da an Eigensinn in ihrem weiblichen Lebensentwurf verwirklicht. Ich nehme Ihre Mutter in ihrem Begehren wahr, auch solche Heilweisen zu studieren, die schulmedizinisch nicht protegiert werden. Damit sprengt sie die Norm und riskiert, von ihrer eigenen Familie abgelehnt zu werden. Die findet das unnötig, lächerlich, peinlich. Der Vorwurf der Irrationalität steht im Raum und erhöht den Rechtfertigungsdruck für die Mutter. Obwohl sie hundertmal bewiesen hat, dass sie über hervorragende lebenspraktische Fähigkeiten verfügt, die sie ihrer Familie zur Verfügung stellt, obwohl sie sicher alt und weise genug ist, selber zu entscheiden, was sie interessiert, darf sie nicht davon ausgehen, dass ihre ureigenen, persönlichen Interessensgebiete respektiert werden. Sie mit Spott und Hohn in ihre Schranken weisen zu wollen, trägt wahrscheinlich nicht dazu bei, dass Sie Ihrem Wunsch näherkommen, Ihre Mutter besser zu verstehen. 

 

Vielleicht wäre es im Sinne gewaltfreier Kommunikation hilfreich, die eigenen Urteile kritisch wahrzunehmen und mehr danach zu fragen, welches Bedürfnis sich die Mutter erfüllt: mit ihrem Interesse an bestimmten Heilweisen, mit ihren „Gurus“, ihrem Abtauchen in Youtube-Kanäle, ihrer Vorliebe für die Grünen und ihrer Abkehr von ihnen, ihrer Offenheit für Verschwörungskonzepte und ihrer Trump-Verherrlichung. Was passiert da in ihr, wenn sie durch das Erwähnen eines Schwulen-Straßenfestes so getriggert wird, dass sie diesen schrecklichen homophoben Satz herausschleudert. Er offenbart etwas von ihrem Hass. Die Betroffenheit und die Empörung, die das wiederum bei Ihnen auslöst, kann ich gut nachempfinden. Auch das Bedürfnis, sich zu distanzieren. Obwohl er bei Ihnen und Ihrer Schwester landet, ist dieser Hass nicht gegen Sie gerichtet. Aus meiner therapeutischen Arbeit weiß ich: erlittene Demütigung, die nicht geheilt wird, kann leicht zu demütigenden Verhalten führen. Ihre Mutter hat viel einstecken müssen, angefangen von der einstigen Geringschätzung durch den eigenen Vater bis zur moralischen Zurückweisung durch ihre Töchter. Das auszuhalten, ist bestimmt nicht einfach, hat aber in meinem Verständnis mit dem notwendigen und heilsamen Ringen um ihre innere Würde als Mädchen und Frau zu tun. Es böte auch die Chance, dieses frühkindliche und über Jahrtausende gepflegte kollektive Trauma tatsächlich wahrzunehmen und zu heilen. 

 

Sie werfen Ihrer Mutter vor, dass diese sich „radikalisiert“ habe. Ich möchte Sie anregen zu überdenken: Wollen Sie diesen negativ besetzten politischen Begriff wirklich verwenden? Damit treffen Sie ein hartes Urteil gegen Ihre Mutter. Motherblaming ist so weit verbreitet wie selbstverständlich, weil es sich für eine Frau in der Mutterrolle nicht geziemt, wenn sie eine vom Familien- oder Gesellschaftsdogma abweichende Eigenständigkeit beansprucht. Ihre Aufgabe sollte es vielmehr sein, sich mit ihren Bedürfnissen kompatibel für alle einzuordnen, um für ein geschmeidiges Miteinander zu sorgen. Das entspricht dem Ideal einer selbstlosen Mutter, die aufgeht im Erfüllen der Wünsche ihrer ihr Anvertrauten. Wenn Sie das abwegige Verhalten Ihrer Mutter so titulieren, dann stellen Sie Ihre Mutter als gefährlich, als Gefährderin dar. Bei mir ruft der Begriff Assoziationen von RAF-Gewalt oder anderen terroristischen Gesinnungen wach. Im Sinne einer deeskalierenden Verständigung halte ich den Gebrauch dieses Begriffes genauso wie den der „Verschwörungstheoretikerin“ nicht für hilfreich. Ist da nicht ein bedeutender Unterschied zwischen den Verbalentgleisungen Ihrer Mutter und einer sich radikalisierenden, sprich gewaltbereiten und feindseligen inneren Haltung, die auf Zerstörung abzielt? Dass die Mutter die Liebe als ihren höchsten Wert explizit hochhält, zeigt doch ihr Bemühen, sich gegenüber ihrer Familie loyal zu zeigen. Und es drückt ihren Wunsch aus, trotzdem dazuzugehören, auch wenn ihre eigensinnigen Anschauungen der Familie missfallen. 

 

Zu den alternativen, ganzheitlichen Heilmethoden:  Homöopathie und andere naturheilkundliche oder geistige Heilweisen werden immer wieder als Scharlatanerie und Humbug verteufelt. Die Annahme einer ganzheitlichen Körper-Geist-Seele-Verbindung stößt dabei auf Abwehr, wird als unwissenschaftlich abgetan. Ganz oft kommt das von Menschen und Wissenschaftlern, die sich nie damit ernsthaft und unvoreingenommen befasst haben, die Wissenschaft und Spiritualität grundsätzlich für unvereinbar halten. Ich bedauere das sehr, da ich selbst die spirituelle Dimension des Lebens für essenziell wertvoll und bewusstseinserweiternd halte. Die Komplementarität so genannter alternativer Heilmethoden empfinde ich als echte Bereicherung. Ich bin selber als Heilpraktikerin für Psychotherapie tätig und begleite Menschen in belastenden Lebenssituationen, damit sie ihre innere Balance wiederfinden. Ich sehe eine große Chance in Therapien, die nicht ausschließlich medikamentös und symptomatisch arbeiten, sondern nach den tieferen Zusammenhängen und Ursachen schauen. Wenn ich den rasant zunehmenden Gebrauch von Psychopharmaka beobachte, dann erfüllt mich das mit Sorge. Ich frage mich, welche menschlichen Grundbedürfnisse missachten wir bewusst und unbewusst im familiären und im kollektiven Zusammenwirken. Was tun wir zuviel und was fehlt uns, dass unsere Nervensysteme mit soviel Abschalten oder Überspannung reagieren? 

 

Unsere frühesten Erfahrungen in Familienbeziehungen, unser vitaler Bezug zu unserer Mit-Welt, zur Natur, zu den natürlichen Rhythmen der Jahreszeiten, unser spirituelles Selbstverständnis, unsere Fähigkeit, fühlend wahrzunehmen, unsere Geburts- und Sterbekultur, wie wir uns in unserer weiblichen und in unserer männlichen Kraft begreifen, sind wesentliche Schlüssel für das Gelingen unserer zwischenmenschlichen Beziehungen. Oft braucht es hier einen bewussten achtsamen Raum, in dem das Gespür für Verletztes, Verdrängtes, Versagtes heilsam integrierend ausgebildet werden kann, statt unbewusst Depression, Dissoziation und Aggression zu befördern. Wenn Sie beschreiben, wie peinlich und wie untragbar daneben sich Ihre Mutter benommen hat, kommen mir dazu hypothetische Annahmen in den Sinn. Sie ahnen ja selbst etwas von ihren tiefen Wunden, wenn Sie die Enttäuschung des Vaters Ihrer Mutter über die Geburt seiner Tochter erwähnen. 

 

Väter, die einen Stammhalter erwarten und enttäuscht sind, wenn es „nur“ ein Mädchen geworden ist, tun diesem Mädchen und auch ihrer Mutter Gewalt an, letztlich auch sich selbst. Leider war und ist das in einer patriarchalen Gesellschaft toleriert und diese Männer dürfen mit dem Verständnis von Verwandten, Freunden und Familienmitgliedern rechnen. Wer weiß, vielleicht ist auch die Mutter Ihrer Mutter in diesem Sinne loyal zu ihrem Mann gestanden - und eben nicht zu ihrer Tochter und nicht zu ihrer eigenen weiblichen Würde und Kraft. In ihrer unbewussten Identifikation mit den Erwartungen des Mannes, reagieren abhängige Frauen und Mütter mit einem heimlichen Schuldgefühl, weil sie „nur“ ein Mädchen auf die Welt gebracht haben. Leider bleibt das oft unbewusst, unbehandelt und ungelöst. Mit fatalen Folgen für das Kind, das nur ein Mädchen ist – es wird doppelt in Frage gestellt und existenziell abgewertet. Dass das Leben Ihrer Mutter Töchter geschenkt hat, sehe ich als Chance zur Heilung verletzter Mädchen- und Frauenwürde.

 

Die (mangelnde) Loyalität von Frauen gegenüber Frauen ist ein großes Thema in der patriarchatskritischen Forschung. Männer hingegen dürfen sich der weiblichen Loyalität sicherer sein. Auch in Ihrer Erzählung wird deutlich, dass Sie die Mutter als die sehen, die die Probleme verursacht. Der Vater erscheint als der Leid tragende, der Gute, der bewundert wird, dass er immer noch geduldig gute Miene zum bösen Spiel der Mutter macht. Mutters Ausrichtung wird als radikal, enttäuschend, als gefährlich und unakzeptabel abgelehnt.

Ihre Mutter hat wohl – wie viele Mädchen ihrer Generation - ohne die uneingeschränkte Loyalität ihrer Eltern auskommen müssen. Wer weiß, vielleicht hat sie gerade das grenzüberschreitende Schürfen in alternativen Heilwelten jenseits der etablierten Lebensanschauungen gebraucht, um der verletzten Weiblichkeit auf die Spur zu kommen? 

 

Ich stelle es mir aus der Perspektive Ihrer Mutter nicht gerade einfach vor, wenn sie die moralische Zurückweisung durch ihre Tochter erlebt, während diese sich mit ihrem vollen Verständnis und Wohlwollen entschieden an die Seite des Vaters begibt. Aber so spielt das Leben. Es geht ja gewiss auch nicht darum, dass Kinder zu allem Ja und Amen sagen müssen, was die Eltern vorbringen. Es gehört zum Ablösungsprozess, deutlich zu widersprechen und selbst Position zu beziehen. Das kann sehr schmerzhaft sein - für beide Seiten. Auch wenn es weh tut, ist es ein Anzeichen für eine gesunde, reifende, erwachsene Entwicklung. Alles bleibt in lebendiger Bewegung, nichts geht verloren. Was wir an Schwierigkeiten im Leben nicht bereit sind, bewusst zu konfrontieren, taucht ab ins Unbewusste und wirkt dort als Kraft, die das Zeug hat, uns im Aussen als Schicksal wieder zu begegnen. So erklärt es C. G. Jung. So gesehen sind unsere Konflikte immer auch unsere Chancen für inneres Reifen in die Selbstverantwortung. Wenn wir das wertzuschätzen lernen und annehmen können, tun sich uns die heilsamen Möglichkeiten von echter Vergebung und weiser Erkenntnis auf.

 

Umso erfreulicher empfinde ich Ihren Bogen zum Schluss hin: „Meine Mutter und ich verstehen uns wieder besser, seit ich selbst Kinder habe.“ Ob uns das bewusst ist oder nicht: Eltern sind für ihre Kinder immer auch eine Zumutung. Das erkennen wir spätestens, wenn wir selbst in der Fürsorge-Verantwortung für unsere Kinder stehen und irritiert erleben, dass wir mit unserer Liebesfähigkeit an unsere Grenzen stoßen und uns selbst und unseren Kindern manchmal gar nicht gerecht werden können. Wenn wir einsehen müssen, dass die ehrenwerten Ideale oftmals an der Wirklichkeit gestresster Nervensysteme zerschellen. Mütter und Väter sind halt auch nur Menschen. 

 

Sie haben Leben weitergegeben – wie schön! Wieder an Mädchen. Glückwunsch! Das bringt Sie unmittelbar in Berührung mit dem Wunder des Lebens, dem zyklisch organisierten Geheimnis von Werden und Sterben. Das verbindet Sie neu mit Ihrer Mutter. Mutterwerden ist eines der transformierendsten Ereignisse im Leben einer Frau. In unserer aufgeklärten Welt haben wir den Sinn für die heilige Dimension des Lebens, für die Verwobenheit mit der Welt der Ahnen und das All-eins-sein im energetischen Gewebe des Lebens verkümmern lassen, unsere Wunderfühligkeit und Achtung dafür unterdrückt. Stattdessen verherrlichen wir weiterhin ein manisches Leistungsprinzip, das die Ausbeutung von Mensch, Tier, Pflanze und Erde billigend in Kauf nimmt. Technologische Machbarkeit gilt als Wohlstandsbringer, obwohl das Ausmaß an menschlicher Zerstörung überall auf der Welt offenkundig ist. 

 

Wenn wir uns berühren lassen von der Kraft einer gebärenden Frau, von der Zartheit eines Kindes, seinem unbedingten Vertrauen, dann führt der Weg direkt in unser menschliches Herz. Ich vermute, diese Leben hervorbringende, nährende und achtende Weise ist die Dimension, die Ihrer Mutter wie Ihnen gleichermaßen bedeutsam, vielleicht sogar heilig ist. Weil sie für alle Menschen und für ein gesundes Leben auf unserer Mutter Erde von unschätzbarem Wert ist. Vielleicht wichtiger denn je. Vielen Dank für Ihr Engagement, für Ihre Berührbarkeit und für Ihre Offenheit. Alles Liebe für Sie und Ihre Familie.

herzlich, Rita Weininger